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Vereinsgeschichte

Der Werdegang



Ein Rückblick über das Vereinsgeschehen
aus Anlaß der Jubiläumsfeier zum 75-jährigen Bestehen
am 18.Juni 1988 im großen Saal des Bürgerzentrums Nieder-Ramstadt.


Erarbeitet von Jakob Göckel (+), dem seinerzeitigen Vorsitzenden

 

Der Obst- und Gartenbauverein Nieder-Ramstadt wurde am 4. Mai 1913 von 23 Mitgliedern gegründet. Nach dem gescheiterten Versuch schon die Gründung im Herbst 1912 zu vollziehen, erklärten sich bei einer vorbereiteten Versammlung im damaligen Gasthaus zum Löwen am 16. März 1913 nach nach einem Vortrag des ,,Kreisobstbautechnikers des Kreises Darmstadt“ bereit, „zur Pflege der Obstbäume und der Bedeutung des heimischen Obst- und Gartenbaus vor den Toren Darmstadts", sowie den Vorteilen, sich in einem entsprechenden Verein zusammenzuschließen, 17 Bürger bereit, im neuen Verein Mitglied zu werden.

Bei der Gründungsversammlung am 4. Mai waren dies dann 23 Mitglieder. Durch aktive Tätigkeiten des Vorstandes war die Mitgliederzahl bis Jahresende 1913 auf 37 angestiegen, Ende des Jahres 1914 hatte sie sich verdoppelt und betrug 73 Personen.
Der Kreis der Mitglieder umfaßte alle „Schichten" der Bevölkerung, auch aus der Wohnlage Trautheim kamen MItglieder zum Verein.

Besonders durch den Ersten Weltkrieg gab es viele Mitglieder im Verein. Dieser beschaffte nicht nur Obstbäume und Beerensträucher, sondern übernahm auch die Versorgung seiner Mitglieder mit Setzkartoffeln, Sämereien, Düngemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel, Torf usw., ja sogar mit Brennstoffen, denn alles ist in Kriegs- und Teuerungszeiten Mangelware.

Monatsversammlungen, Gemarkungsrundgänge, auswärtige Besichtigungen von Obstanlagen wurden durchgeführt, die Mitglieder in Vorträgen und Schnittlehrgängen geschult. Bereits 1914 wurde eine große Obstbaumspritze angeschafft. Jahr um Jahr wurden immer mehr Obstbäume gepflanzt, bis Jahresende 1916 waren dies bereits 700 Hochstämme. ... Im Winter 1916 gelang der Bezug von Kohlen und Briketts, 2100 Ztn. kamen zur Verteilung.

Nach einem Vortrag des Kreisobstbautechnikers im Jahr 1915 über das „Einmachen von Obst und Gemüse“ ließen sich 8 Frauen in einem dreitägigen Lehrgang in die ,,Einmachkunst" einweisen. 500 Einmachgläser wurden bezogen und auf die Haushalte verteilt, im Kriegsjahr 1917 waren dies nochmals 355 Stück.

Die Zahl der Mitglieder nahm ständig zu, zum Jahresende 1917 waren es 159 Mitglieder. Eine 1917 in Umlauf gebrachte Bestelliste über Frühgemüsepflanzen erbrachte den Bedarf von 22300 Stck. verschiedener Pflanzenarten. Die Belieferung erfolgte durch die bekannte Gärtnerei Onken, Trautheim. Trotz der verschärften Kriegslage konnte der Verein weiterhin seine Mitglieder mit 1100 Ztn. Düngemittel und 5000 Ztn. Heizmaterial versorgen. Die Kohlen wurden auf Veranlassung der Gemeindeverwaltung auf die gesamte Bevölkerung verteilt.

Der Obst- und Gartenbauverein hatte in wenigen Jahren seines Bestehens aufgrund vieler Aktivitäten seines Vorstandes und unter Ausnutzung vorhandener Möglichkeiten schon sehr viel zum Wohle vieler Bürger getan und sich große Verdienste in der Gemeinde erworben. Es würde in der chronologischen Folge aus zeitlichen Gründen zu weit führen, weitere interessante Passagen, die in den noch vorhandenen Akten und Protokollbüchern festgehalten sind, vorzutragen.

Mit dem Kriegsende, seinen Folgen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, dem Einfluß der fortlaufenden Geldentwertung litt auch das Vereinsleben. Hinzu kam, daß der verdienstvolle Vorsitzende Lehrer Lantelme verstarb.

Nur wenige neue Mitglieder traten dem Verein bei. 1922 wählte die Jahresversammlung Philipp Steuernagel zum Vorsitzenden, der dieses Amt 42 Jahre in guten und schlechten Zeiten inne hatte und den Vorsitz 1965 im hohen Alter stehend an den bisherigen Schriftführer Berthold Luckhaupt abgab, der die erfolgreiche Arbeit seines Vorgängers fortsetzte.

In den Kreisverband Darmstadt für Obst- und Gartenbau trat der Verein bereits im Gründungsjahr 1913 ein. Der Warenbezugs- und Absatzgenossenschaft Nieder-Ramstadt (heute Volksbank) trat man 1922 als Genossenschaftsmitglied bei und gehört dieser heute noch an.

Wie in den Kriegsjahren des Ersten Weltkriegs wurde auch in den Jahren danach der Warenbezug und dessen Verteilung an die Mitglieder fortgesetzt. Die Beschaffung von Obstbaummaterial und Beerensträuchern kam hinzu. Auch im Zweiten Weltkrieg gelang es, verschiedene erreichbare Waren an die Mitglieder weiterzugeben. Ein sprunghafter Mitgliederzuwachs - allein im Kriegsjahr 1943 140 Neuanmeldungen - trat ein.

Die nachfolgenden schweren Nachkriegsnotjahre konnten nur dürftig mit Warenlieferungen überbrückt werden. Neben Besuchen von Obstausstellungen (auch auf Landesebene) wurden auch in Nieder-Ramstadt im Oktober 1924, Herbst 1931 und Oktober 1953 Obst- und Gemüseausstellungen veranstaltet, die jeweils sehr gut bestückt waren und großen Publikumsbesuch hatten. ...

Höhepunkte in der Vereinsgeschichte waren die 4o- und 5o-Jahr-Feiern, die zusammen mit dem 50- bzw. 60-jährigen Bestehen des Kreisverbandes begangen wurden. Für Philipp Steuernagel war die 50-Jahr-Feier auch der Höhepunkt seiner jahrzehntelangen Vorsitzendentätigkeit. Es gab viele Ehrungen für langjährige Mitglieder.

Vom Gründungstage an war Karl Regalia als 2. Vorsitzender 26 Jahre tätig. Ludwig Burkhardt war 40 Jahre Mitarbeiter im Vorstand, davon 9 Jahre als Vereinsdiener, 32 Jahre übte dieses Amt Heinrich Spengler aus. Es folgte 1954 mit 10 Jahren Tätigkeit das Eheaar Wilhelm und Babette Ruths und weitere 10 Jahre die Eheleute Tiegs. Wenige Jahre erledigte Frau Katharine Bender diese Arbeit. Ohne die Mitarbeit guter „Vereinsdiener" wären die Erfolge des Vereins nicht möglich gewesen. Der „Vereinsdiener" war das Bindeglied zwischen Mitgliedschaft und Vorstand. Besonders aufwendig war diese Tätigkeit bei der Materialverteilung in Krisenzeiten. Nach der Einrichtung einer Warenabteilung bei der Volksbank konnte sich der Obst-und Gartenanbauer dort mit den notwendigen Materialien eindecken.

Heinrich Luckhaupt als ausgebildeter Baumwart versah 25 Jahre lang auf Anforderung von Mitgliedern wie Nichtmitgliedern die Obstbaumpflege und führte Schnittlehrgänge durch. Der Verein beschränkte sich nur noch auf den Bezug von Obstbaummaterial und der -pflanzen. Da das Interesse der Mitglieder an den Veranstaltungen des Vereins nachließ, beschränkte sich der Vorstand auf notwendige Veranstaltungen wie Jahresversammlung mit Fachvortrag, Schnittlehrgang und Jahresausflug.

Die Bemühungen des Vorsitzenden, für sich einen jungen Nachfolger zu finden, blieben erfolglos. Im Jahre 1983 verstarb Vorsitzender Berthold Luckhaupt. Damit der Verein weiter bestehen konnte, übernahm der seit 55 Jahren als Rechner tätige Jakob Göckel noch das Amt des Vorsitzenden. Unter Mithilfe der Vorstandsmitglieder (und deren Ehegatten) Philipp Plößer, Liselotte Müller und Karin Grünewald ist es gelungen, das Vereinsleben wieder aufzufrischen. Viele Fachvorträge, Schnittlehrgänge, Obstschauen wurden in den letzten fünf Jahren veranstaltet. Der Neuzugang von Mitgliedern beträgt in dieser Zeit 25 Personen.

Ein weitgreifender Zeitwandel Ist in diesen 75 Jahren eingetreten und es erhebt sich die Frage: Braucht eine Gemeinde heute noch einen Gartenbauverein ? Die freie Feldflur ist von Obstbaumstücken ausgeräumt, diese sind der Landwirtschaft hinderlich. Große geschlossene Obstbaumlagen (ehemals an die alte Ortslage anschließend) sind in Baugebiete umgewandelt, eine enge Hausbebauung, tlw. mit Hochhäusern ist eingetreten. Aus der weiträumigen „Gartenstadt" Trautheim ist ein dichtbebauter Ortsteil Trautheim geworden.

Die Hausfrau kann im nahen Supermarkt sich mit frischem Gemüse und Obstsorten in Hülle und Fülle eindecken. Das ist alles sehr einfach, und trotzdem muß es Gründe geben, daß es eine Vielzahl von Menschen als Hobby betrachtet, ihren Garten bestellt und landschaftspflegerisch tätig ist.

Wenn der Hausgarten auch heute als erweiterter Wohnraum dient, Rasenflächen, Ziersträucher, Rosen, Blumen, ein gepflegter Vorgarten nicht nur den Gartenfreund erfreuen, sondern auch den Vorübergehenden, so bleibt doch für den Freizeitgärtner in seinem Garten noch Platz für das Frühgemüsebeet, die Salatreihe, das Kräutergärtlein, die Beerensträucher und die kleine Obstbaumreihe mit den Pillarbäumchen, die auf kleinstem Raum gepflanzt, den Bedarf an schmackhaftem Obst decken.

Nach Jahren durchgestandener Umweltverschmutzung, der wahllosen Verwendung chemischer Mittel, um höhere Erträge zu erzielen und bessere Verdienste zu erwirtschaften, die Verseuchung der Luft mit radioaktiven Stoffen, ist bei vielen Menschen ein größeres Umweltbewußtsein eingetreten. An Stelle von chemischen Mitteln, die immer noch in der freien Wirtschaft verwendet werden, kann heute der Hobbygärtner organische Dünger verwenden, seinen Boden mit wertvoller, selbst auf- bereiteter Komposterde anreichern und, wenn erforderlich, umweltfreundliche Behandlungsmittel anwenden.

Die frisch geernteten Gartenfrüchte sind zweifellos besser als z.B. der in Plastik verpackte und für teures Geld im Supermarkt gekaufte Apfel.

So ist es auch zu erklären, daß aufgrund der vielseitigen Fachvorträge, die der Verein seinen Mitgliedern und Gästen in den letzten Jahren bietet, die Mitgliederzahl wieder stark angestiegen ist und die gestellte Frage: „Braucht eine Gemeinde heute noch einen Gartenbauverein?“ mit Ja beantwortet werden kann.

Der Obst- und Gartenbauverein Nieder-Ramstadt ist in gewissem Sinne ein Familienverein. In vielen Fällen wird bei einem Sterbefall von seiten eines Familienmitgliedes die Mitgliedschaft fortgesetzt. So hat der Verein eine große Zahl von langjährigen Mitgliedern, die 4o, 5o, 6o, 70 Jahre Mitgliedschaft auszeichnet. Auch aus der Gründungszeit bestehen noch Mitgliedschaften.
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